
Munich Darling
Keine Opernsängerin wird vom Münchner Publikum derart verehrt. Niemand singt wie sie. Sie ist ein Phänomen, das größte Koloraturwunder der Welt, die Königin des Belcanto, „Die Gruberová“ eben. Seit Jahrzehnten wird die slowakische Sopranistin Edita Gruberová an der Münchner Staatsoper als ‚Primadonna assoluta‘ des Hauses gefeiert.In München sind ihre Fans besonders treu.
Ex-Innenminister Otto Schily schwärmt von ihren „hohen Tönen“, und es kann passieren, dass Fans während ihrer Vorstellung von der Galerie aus Transparente entrollen. Doch der Weg in den Olymp der Opernkunst war dornig. Bereits als kleines Mädchen träumte Edita von der Freiheit im Westen.
1946, einen Tag vor Heiligabend in Raca (nahe Pressburg) geboren, verlebte sie eine schwierige Kindheit. Ihre Mutter arbeitete schwer in einer Weinbergkolchose, ihr Vater wurde von den Kommunisten verhaftet und war nach seiner Entlassung ein gebrochener Mann, der die Familie mit Wutausbrüchen tyrannisierte. Dennoch gelang es Edita, ein Gesangsstudium am Pressburger Konservatorium zu absolvieren. Sie debütierte 1968 an der dortigen Nationaloper.
1970 floh sie hochschwanger, gemeinsam mit ihrer Mutter – ihr Mann kam eine Woche später nach – vor den Kommunisten nach Wien. Doch auch hier musste sie kämpfen. Jahrelang musste sie sich an der Wiener Staatsoper mit kleinsten Rollen begnügen, vornehmlich als Page oder Dienerin, und zudem als Alleinverdienerin eine vierköpfige Familie ernähren. Erst der große Dirigent Karl Böhm erkannte 1976 ihr Potenzial und machte sie mit der schwierigen Partie der Zerbinetta aus „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss über Nacht zum Star, in der sie bis heute als unerreicht gilt.
Von da an riss man sich um die „slowakische Nachtigall“. Sie bekam Angebote aus aller Welt, verschrieb sich dem italienischen Belcanto und Komponisten wie Rossini, Donizetti und Bellini und wurde die „Königin des Belcanto“. Fans folgen ihr rund um die Welt; die berühmtesten Opernhäuser und Konzertsäle der Welt buhlen um ihre Stimme; und sie wissen, warum.
Mit ihrer subtilen Gesangskunst steckt sie jede jüngere Kollegin mühelos in die Tasche, von denen sie viele hat kommen und gehen sehen. Ihre Paraderolle wurde die Lucia aus Donizettis großer Tragödie Lucia di Lammermoor. Das ist Oper pur, Schwelgen im Belcanto: Pathos, Leidenschaft, Gewalt, Intrige, die Sehnsucht nach dem einen und schließlich das Sterben für die Liebe im Wahnsinn und Gruberová verkörpert die, wie keine Zweite. In jüngster Zeit triumphierte sie mit der giftmischenden Papsttochter Lucrezia Borgia aus der gleichnamigen Oper von Gaetano Donizetti. Daneben ist sie eine gefeierte Liedsängerin, die den Titel „Kammersängerin“ von der Wiener Staatsoper verliehen bekam.

