MARIUS GEGEN DEN REST DER WELT

Die leicht maulige Stimme, der Trotz im Blick; wer erinnert sich nicht an jenen „Theo, gegen den Rest der Welt“, ein proletarischer Rebell aus dem Ruhrpott, der es buchstäblich mit allen aufnahm, enorm verdroschen wurde, trotzdem immer wieder aufstand und sogar noch ein freches Wort auf den blutigen Lippen hatte? Marius Müller-Westernhagen verkörperte den Theo in Peter F. Bringmanns Kult-Film 1980 so stimmig, dass er nicht nur den Ernst-Lubitsch-Preis dafür bekam, sondern jedermann auch dachte, er wäre selber so. Doch Marius, Sohn des Düsseldorfer Gründgens-Schauspielers Hans Müller-Westernhagen und einer Regierungsbeamtin war nicht unbedingt gegen den ganzen Rest der Welt. Und diese schon gar nicht gegen ihn.

Mit Fleiß und Talent und instinktsicherem Populismus schaffte er es, sich in Liedern wie „Lady“ der „Geiler ist schon“ als ewig pubertierender Ruhrpottproll zu stilisieren, der jedem Rock nachsteigt; ohne Rücksicht auf Verluste, sich aber auch in die kleinen Existenzen einfühlen kann. „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ von 1978 ist ein Meisterstück – auch nach einunddreißig Jahren. Zum Skandal allerdings geriet die Single Dicke, man warf ihm vor, sich über fettleibige Menschen lustig zu machen. Und auch sein Album Westernhagen irritierte die Fans, weil er sich hier vom Image des burschikosen Pöblers „Marius“ verabschiedete und nunmehr zum gut gekleideten, adretten und arrogant wirkenden „Westernhagen“ stilisierte. Nach der Wende schaffte er es, Stadien zu füllen mit Hymnen wie „Freiheit“ oder „Lass uns leben“. Instinktsicher traf er allgemeine Stimmungen, wollte sich aber nicht als gesamtnationaler Künstler vereinnahmen lassen. „Ich will zurück auf die Straße/Möcht wieder singen/nicht schön, sondern geil und laut“, hatte er sich zum Motto gemacht, vor über dreißig Jahren. Noch heute möchte er die Menschen irritieren. Kein Produkt sein. Kein Star sein.

Nun ist er sechzig Jahre alt und doch ein Mega-Star geworden. Er hat sich äußerlich kaum verändert, doch die Kumpel fahren schon längst nicht mehr in die Erde und auch seine Anzüge sitzen zu gut für einen Rebellen. Die Sehnsucht nach „Dreck“ aber bleibt. „Ich rieche den Dreck / Ich atme tief ein / Und dann bin ich mir sicher / Wieder zu Hause zu sein“, singt er in einem seiner jüngeren Lieder. Er weiß, es bleibt eine Illusion. Insofern ist er ehrlicher, als manch anderer und der Stellvertreter aller, die mit Rock erwachsen wurden und sich den Rebellen abgewöhnten.