Ironie statt Pathos
Als Mathias Otto wurde er 1962 im westfälischen Lünen geboren. Die einzige Schellackplatte seiner Eltern hatte es ihm schon in kindlichen Tagen angetan. In der heiteren Musik des Stückes „Ich bin verrückt nach Hilde” entdeckte er und faszinierte ihn schon damals auch das Melancholische. Vielleicht ein Schlüsselerlebnis oder Vorhersehung, denn irgendetwas ist immer ursächlich und wegweisend.
Er war Messdiener, Pfadfinder und sang im Kirchenchor. Früh wusste er, dass er Sänger werden wollte. Nach dem Gymnasium ging er nach Berlin, nahm des Abends Gesangsunterricht, arbeitete tags in Gärtnereien, wischte Hausflure, machte mit 30 Mark eine Woche Urlaub in Italien. Lief dort von Florenz bis Assisi, schlief im Freien, versteckte seinen Rucksack und wanderte mit geputzten Schuhen in Sakko, Hemd und Hose in die Stadt (nie wollte er „abgerissen” aussehen). In diesen Jahren machte er seine ersten Bühnenerfahrungen. 24-jährig gründet er mit Freunden das Palast Orchester. Von 1988 bis 95 studiert er das Stimmfach Bariton.
Heute feiert sein Publikum ihn und sein Palast Orchester auf den Konzertbühnen in Los Angeles, New York, Paris, Moskau, Montreux, Rom, Amsterdam, Wien, natürlich in Berlin und in vielen anderen Städten. Sein musikalisches Repertoire und sein Stil entsprechen seiner Vorliebe für die berühmten Zwanzigerjahre Berlins, sind aber nie nur Kopie, sind nie Nostalgie, sondern, wie er selbst in einem Interview einmal sagte, sind „eine Spiegelung”. „Diese Lieder haben ja, selbst als sie damals entstanden, nicht die Realität abgebildet. Das war zu Zeiten der Depression, und viele Texte handelten von etwas Verrücktem, wie Amalie, die mit einem Gummikavalier ins Schwimmbad geht. Andere sind von schlagfertigem Humor, aber unterschwellig von Fatalismus und Schwermut geprägt. „Ich lass mir meinen Körper schwarz bepinseln” von Friedrich Hollaender beispielsweise ist insofern ein Spiegel der Zeit, als er letztlich sagt, „Ich will hier weg aus Deutschland, und zwar dahin, wo es – wie es im Lied heißt – paradiesisch neu ist ... Wir wollen diesen Kompositionen gerecht werden und gleichsam das Zeitlose an dieser Musik herausstellen.”
Wenn Max Raabe „Dein ist mein ganzes Herz”, „Mein kleiner grüner Kaktus” oder „Bel ami” singt, Hits dieser vergangenen Epoche, veblüfft er mit schnörkellos präziser, nüchterner aber aufregend präsenter Perfektion, nimmt den Liedern jeden Anschein von Remake und gibt ihnen – mit ironischem Unterton – neues Leben und Aktualität. Das Gleiche gelingt ihm, wenn er heutige Dance-, Rock- und Hip-Hop-Stücke covert, Songs wie „Sex Bomb” von Tom Jones oder „Oops! ...I did it again” von Britney Spears. Auch mit diesen schafft er etwas ganz Eigenes und Neues.
Als faszinierend und makellos beschrieb die New York Times 2008 seinen Auftritt in der ausverkauften Carnegie Hall. Wo auch immer vor internationalem Publikum und so auch dort, Max Raabe singt deutsch, authentisch in der Landessprache der Lieder. Seine Zuhörer lieben das, denn sie schätzen den Humor und die versteckte Ironie seiner Auftritte, und selbstverständlich hat er ihnen vor jedem Lied dessen Inhalt erzählt, selbstverständlich auf Englisch.

